Schon lange bevor mich Georg überzeugte aus unserer Idee ein Startup zu machen, war ich von solchen kleinen mutigen Firmen begeistert. Ich bewunderte ihren Mut aus einer Idee ein Business zu machen, ohne Netz und doppelten Boden. Es war nicht schwer mich zu überzeugen selbst diesen Weg zu gehen.

Nichts desto trotz machte ich mir Gedanken. Finanzielle, existenzielle und viele dumme Gedanken. Die dummen waren voranging durch meine Angst meine Comfort-Zone zu verlassen begründet.

If you fall, I’ll be there.

- sincerely the ground.

In meinem alten Job genoss ich einige Vorzüge von denen ich mir nicht bewusst war, dass ich sie einmal als Vorzüge betrachten würde. Ich war fremdgesteuert. Das klingt wenig positiv, aber es ist etwas an das man sich gewöhnt. Denn das bedeutet einfach auch weniger Verantwortung und damit auch, dass man sich etwas mehr zurücklehnen kann. Für Entscheidungen die jemand anderes trifft kann ich schließlich nicht zur Rechenschaft gezogen werden wenn sie sich als falsch erweisen.

Nicht, dass ich mich nicht auch in meinem alten Job einbringen wollte, es war eben nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Natürlich konnte ich jederzeit meine Meinung äußern und Vorschläge machen, aber ob diese dann berücksichtigt wurden oder nicht und wie die endgültige Entscheidung aussah lag nicht in meiner Hand. Manchmal ärgerte ich mich massiv darüber und fühlte mich zu wenig gehört, manchmal war das im Nachhinein,  aber auch ganz gut so, weil meine Entscheidung vielleicht nicht die richtige gewesen wäre.

Ganz egal aber wie es ausging, ich war nie der endgültige Entscheider und somit nie wirklich der Verantwortliche. Ein Angestellter eben, mit einer Reihe an Vorgesetzten, die finale Produkt- und Lösungsentscheidungen auf Basis unseres  – der Angestellten – Beitrags und vielen anderen Faktoren, die auch nicht immer für uns sichtbar waren, trafen.

Dass sich dies ändert, darauf war ich vorbereitet und ja ich fürchtete mich davor. Worauf ich nicht vorbereitet war, was dies mit mir macht.

Ich habe in diesen Monaten zahllose Entscheidungen getroffen. Gute, schlechte und viele von denen ich erst erfahren werde ob sie das eine oder andere sind. Ich möchte hier exemplarisch nur auf eine eingehen. In diesem Fall ging es um Selbstüberschätzung. Ich traute mir zu viel zu. Das Ergebnis waren zwei Wochen vergeudete Zeit, Verzweiflung, Schuldgefühle, Ratlosigkeit – 24 stunden am Tag, 7 Tage die Woche.

Am Ende saß ich mit Freunden in einer lauen Sommernacht im Freien am Boden vor einem Lokal mit einem Bier in der Hand und erzählte Georg davon. Die Lösung für dieses Problem ergab sich kurz darauf und wir konnten pünktlich am 20. September unsere erste Version vorstellen.

Was ich damit sagen will ist, dass ich nicht darauf vorbereitet war wie persönlich plötzlich alles wird. In meinem alten Job endete der Tag meist um 17:00 Uhr und dort hörten auch meist die Gedanken zur Arbeit auf. Ja es gab auch dort Fälle in denen mich der Arbeitstag am Abends und sogar nachts noch verfolgte und nicht aus meinem Kopf wollte, aber nun ist dies ein Dauerzustand. Irgendetwas in meinem Kopf beschäftigt sich immer mit der Firma, mit meinen aktuellen Todos und Herausforderungen. Egal wie spät es ist oder welcher Tag es ist. Ich bewundere meine Freundin, dass sie mich aushält, wenn ich Abends auf der Couch noch nach Lösungen suche, Mails beantworte, schnell noch einen Bug fixe und auch Wochendends nicht die Finger vom Produkt lasse.

lost in time and space

Eine der auffälligsten Änderungen in meinem Leben ist, dass sich meine Zeitwahrnehmung verändert hat. Ich bin jemand der sehr viel basierend auf Routinen macht, antrainierte Abläufe. Das gilt natürlich nur für triviale, aber meist doch recht wichtige Aufgaben, wie aufstehen, waschen, anziehen, ins Büro fahren. Diese Morgenroutine mache ich vollkommen ohne mir über irgendetwas davon Gedanken zu machen, vollkommen automatisiert. Ich sehe dabei vermutlich auch aus wie ein Zombie. Solche alltäglichen und einfachen, aber notwendigen, Tätigkeiten vollkommen zu standardisieren und in eine Routine zu packen hilft mir dabei fokussiert zu bleiben und so meinen Kopf für komplexe Aufgaben frei zu haben.

Das Problem an solchen Routinen ist der Gewöhnungseffekt. Ich war in meinem Kopf an meinen fünf Tage die Woche, 9-5 Job gewöhnt. Meine Work-Life-Balance konnte ich (fast) in meinem Kalender eintragen.

Der “böse Montag”, das Warten auf den Freitag und so viele andere ganz normale Gefühle kennen sicher viele von euch aus ihrem Leben. Plötzlich war das alles weg.

Ich habe zwar meist noch immer (fast) normale Zeiten zu denen ich im Büro bin, aber die Arbeit endet nicht wenn ich nach Hause gehe um Martina ein Abendessen zu kochen. Die Gedanken über das Produkt und die Firma kochen mit und meist geht es eben nach dem Essen weiter, egal ob es nur Mails, Konzepterarbeitung oder wirkliches Implementieren ist.

Das klingt jetzt so negativ, oder? Lustiger Weise fühlt es sich nicht so an. Es fühlt sich ganz normal an. Ohne große Umstellung verlor der Wochentag, die Uhrzeit und wie lange es noch bis zum nächsten Urlaub ist an Bedeutung.

getting things done

Ein größeres Problem stellte für mich das alleine sein dar. In den ersten sechs Wochen hatten wir noch kein eigenes Büro und so arbeiteten wir von zu Hause aus – jeder bei sich zu Hause. Ich war also alleine, von 7:15 Uhr wenn Martina das Haus verließ, bis Abends wenn sie wieder nach Hause kam, sitzend am Esstisch, der mir für diese Zeit als Büro diente.

Kein menschlicher Kontakt für über 9 Stunden jeden Tag und dabei produktiv zu sein, war etwas auf das ich nicht vorbereit war. Ich stumpfte ab, wurde träge, trug irgendwann keine Hosen mehr. Wozu sollte ich mir Hosen anziehen, wenn ich weder rausgehe, noch jemand kommt und mich so sieht?

Ich saß in Unterwäsche, T-Shirt und Bademantel vor meinem Laptop und arbeitete. Hier und da eine kleine Pause, Kaffee, zu Mittag ein Snack. Ich hatte nicht mal mehr Lust zu kochen, auch Abends nicht wenn Martina nach Hause kam. Es war so als wäre ich nie wirklich aufgewacht.

Das musste aufhören, also zwang ich mich irgendwann wieder mit Martina aufzustehen, meine Morgenroutine abzuspielen, als würde ich ins Büro fahren – unter Leute kommen – also mit Hosen.

Dies verbesserte die Situation immens, aber wirklich zurück in meinem “Flow” war ich erst wieder als wir unser Büro bezogen und es wieder darum ging jeden Tag auch physisch dort hin zu fahren und auch wieder menschlichen Kontakt zu haben. Ich brauche Leute mit denen ich mich austauschen kann und mit denen ich gemeinsam meine Pausen mache, in denen wir nicht nur über die Firma reden.

Außerdem brauchte ich plötzlich Tools um meine Aufgaben zu planen mehr denn je. Ich brauche Listen mit Ideen, aus denen Anforderungen werden, die zu Konzepten heranwachsen und schließlich zu Arbeitspaketen mit einzelnen Todos werden und ich brauche eine Liste für den heutigen Tag. Diese entsteht aus den vielen großen Listen und ich muss mich immer selbst am Riemen reißen um sie realistisch zu gestalten und mir nicht zu viel vorzunehmen.

Das ist nämlich auch so ein Ding. Tausend Todos werden nie fertig. Vier Todos werden heute fertig. Eines nach dem anderen. Kleine Listen für kurze Zeitabschnitte. Anders geht es nicht, anders kann ich nicht fokussiert arbeiten.

controlled chaos

“Kontrolliertes Chaos”, so nenne ich meist das was unsere Plattform unter der Haube tut. Das liegt in der Natur der Sache. Verteilte Cloud Infrastruktur bringt nun mal einiges mit was man bei konventionellen Architekturen nicht vorfindet und einiges davon mutet gern etwas chaotisch an, in Wahrheit ist es aber eben nur anders und man muss lernen damit umzugehen.

Diese Wörter beschreiben aber auch ganz gut wie ich aktuell arbeite. Konzepte werden über den Haufen geworfen, Zeitpläne für Monate sind nicht mehr als grobe Anhaltspunkte, neue Ideen fließen ständig in das Produkt ein, andere fliegen raus und das beinahe täglich. Ich versuche in diesem Chaos unsere Software stabil und sauber zu halten. Das ist eine Herausforderung, eine große. Damit dies funktioniert muss man immer alles im Auge haben, aber das hat auch Nachteile, den so kommt man zu nichts.

Willkommen im Chaos, zwischen Planung, Design, Entwicklung und Anforderungen, die sich ständig ändern. Wenn mich jemand fragen würde was das schwierigste aktuell an meinem Job ist, dann würde ich antworten eben dieses Chaos unter Kontrolle zu halten um das Produkt nicht im Chaos verfallen zu lassen.

Aber dieses Chaos und vor allem wenn man gelernt hat damit umzugehen, hat auch etwas Positives. Nur so können wir uns schnell an geänderte Anforderungen anpassen. Große Konzerne können dies auf Grund der Tatsache, dass sie eben große Konzerne sind, die ganz anders planen müssen, nicht. Diese große Herausforderung ist vermutlich auch eines unserer größten Vorteile.

Nun habe ich euch mit meinen Ausführungen so lange von sicher viel Wichtigerem abgehalten, aber das musste raus und vor allem bin ich durchaus auch daran interessiert ob ihr solche Veränderungen auch schon mal durchgemacht habt und wie es euch da gegangen ist.